Autoren.Hessen.Online: Leilah Lilienruh

Leilah Lilienruh, Auszug aus

In glasgrüner Stille (Untertitel: "8")

...Am Grunde meines Sees liegt eine Geschichte, die niemals erzählt werden sollte. Wir alle hatten gehofft, dass die Wahrheit irgendwann für immer unter einer dicken Schicht aus Schweigen und Sediment verschwinden würde. Unser Gewissen konnten wir nie zum Schweigen bringen. Wie sollten wir auch, wo wir dem abgrundtiefen Selbsthass doch immer wieder neues Futter gaben. Es hat all die Jahre über gnadenlos an uns genagt und tiefe Löcher hinterlassen, wo Selbstachtung ihren Platz haben sollte. Es scheint, als ob der Rand dieser Gruben bröckelt und wir in unsere eigenen Abgründe hineinstürzen. Unterdessen sind wir fleißig unserer Arbeit nachgegangen, haben neue Häuser gebaut, Hochzeiten gefeiert, Alte beerdigt und Kinder aufgezogen. Immer war sie präsent und hat wie eine dunkle Wolke über der Bucht geschwebt - unsere unverzeihliche Schuld. Insgeheim haben wir uns vermutlich gewünscht, einer von uns würde es irgendwann nicht mehr ertragen und es laut hinausschreien. Nur wollte keiner derjenige sein - auch ich nicht.
Ich wünschte, ich könnte die letzten Wochen aus meinem Gedächtnis löschen und in mein belangloses Leben zurücksinken. Ich würde weiter Tische decken und Betten beziehen, zwei Mal im Jahr fort in Urlaub fliehen, den Ort verfluchen und immer wieder heimkehren, denn hier gehöre ich ja her.

Nun aber schaue ich zum letzten Mal zurück zum See. Ich habe Bargelow auf der einzigen Straße verlas-sen. Keiner hat mir nachgewinkt oder insgeheim gedacht: »Sie kommt nicht wieder.«, denn was ich jetzt tue, ist das Resultat der einsamen Entscheidung einer einzigen Nacht, wenn es auch viele Jahre gedauert hat, bis ich endlich bereit war, sie zu treffen. Hinter mir im Kofferraum liegen zwei Taschen, die nicht viel mehr enthalten als ein paar Kleider und Papiere. Alle Erinnerungsstücke lasse ich hier. Die Bilder in meinem Kopf muss ich mitnehmen, egal wohin ich gehen werde. Nichts auf der Welt kann sie jemals wieder verschwinden lassen oder meine Schuld verringern. Sie minimiert sich nicht, indem man sie durch die Anzahl der Köpfe oder Ausreden teilt.
Die Straße führt noch ein Stück um den See herum bevor sie abzweigt und im Wald verschwindet. Ich habe mitten auf der Fahrbahn angehalten und ziehe den feucht-kalten Morgenduft unseres Tales durch das heruntergekurbelte Seitenfenster tief in meine Lungen. Langsam gleitet mein Blick über den vertrauten Hort meines bisherigen Lebens, nimmt Abschied von jedem Haus und Baum, an Land und im Spiegelbild des Sees. Mein Schicksal ist es, einen Bann zu brechen. Wenn unsere Geschichte erzählt ist, wird es kein Zurück mehr geben. Das neue Bargelow wird, zerschlagen und gesprengt von bitterwahren Worten, in einer Woge des Abscheus versinken, so, wie der alte Ort einst in Wasser und Schlamm. Es ist der Moment, nach dem wir uns im Grunde unserer Herzen alle so lange gesehnt haben: der Augenblick unserer Erlösung und Strafe...

Wortquelle Verlag Ralf Möller, Immenhausen, April 2010, ISBN: 978-3-940859-03-7

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